Legenden leben länger.

Feuerjäger 3: Das Schwert der Königin

Der Feuerdämon ist besiegt, doch mit dem neuen König von Abrantes hat Krona noch ein Hühnchen zu rupfen. Der Kampf um den abrantinischen Thron wird an den Rändern der bekannten Welt entschieden, und als die Todesgöttin Meridia höchstselbst sich ins Spiel bringt, muss Krona etwas tun, das sie eigentlich nicht kann: Frieden schließen.

Auf dem Winterfeld wird inzwischen ein erbitterter Kampf gefochten – nicht nur zwischen politischen Gegnern, sondern auch zwischen besten Freunden. Ein gut gehütetes Familiengeheimnis kommt ans Licht und verändert einfach alles, und Wolfram der Spielmann empfängt einen Kuss, der mehr als eine Wahrheit in sich trägt.

 

"Liebe reicht mir nicht", sagte Sindri. "Liebe allein war noch nie genug."

Leseprobe

Erst als Fenrir ein erstauntes »Aber wo willst du denn hin?« von sich gab, merkte Krona, dass sie sich in Bewegung gesetzt hatte.

»Ich hab was zu erledigen«, sagte sie über die Schulter.

»In einem Tempel der Meridia?«, hörte sie Lomir verwundert sagen. »Bezeichnend genug, dass sie hier einen haben, aber keinen für Lares oder einen der anderen Götter ...«

Eine weiße Hand erschien im Halbdunkel und machte eine einladende Geste. Krona duckte sich durch den schmalen, niedrigen Spalt in das Innere des Baumhauses.

Es war eng hier drin, der Raum maß kaum drei Schritte, und überraschend kühl. Ein intensiver Geruch nach Erde, Stein und Moos stieg Krona in die Nase. An der Wand gegenüber des Eingangs befand sich ein schlichter hölzerner Altar, über dem eine weitere unbeschriftete Scheibe angebracht war.

»Willkommen, Todestochter«, sagte die Priesterin mit sanfter, geradezu schwebender Stimme. Sie hatte ihr Gesicht verhüllt wie die Priesterinnen in Dire. Durch einen Schlitz zwischen Kapuze und Gesichtsschleier musterten Krona zwei nebelgraue, ruhige Augen.

»Kennen wir uns?«, fragte Krona irritiert.

»Wir dienen beide der Göttin ohne Gesicht, jede von uns auf ihre Art«, sagte die Priesterin. »Das macht uns zu Töchtern der gleichen Mutter.«

»Ich diene nur mir selbst. Und meine Mutter ist seit vielen Jahren tot.«

»Der Tod und das Leben sind nur zwei Seiten der gleichen Scheibe.«

»Das kann ja sein, aber ich bin nicht hier, um über Religion zu reden.«

Die kleinen Knöchlein am Gürtel der Priesterin klapperten leise, als sie sich auf Krona zu bewegte.

»Nein? Warum bist du dann hier?«

Krona setzte zu einer Antwort an und hielt dann inne.

»Ich weiß es nicht genau«, sagte sie erstaunt. »Es war eher eine – Regung. Ich dachte, ich schau mal rein.«

»Du hast den Ruf vernommen.«

»Unsinn. Ich dachte – ich – ich bin in einer blöden Lage. Ich habe da draußen Leute, die mir wirklich etwas bedeuten. Nicht alle können sich gut zur Wehr setzen, und sie sind nicht zuletzt aufgrund meiner Entscheidungen hier. Wenn ihnen etwas passiert ...«

»Du fühlst dich für sie verantwortlich.«

»Ja.«

»Wie du dich immer schon für deine Leute verantwortlich gefühlt hast.«

»Vermutlich. Ja.«

Die Priesterin strich mit einer kühlen Hand über Kronas Wange. Sie ließ es geschehen. Für einen Augenblick wurde ihre Kehle merkwürdig eng.

»Ich hatte einen Freund«, sagte sie heiser. »Er war ein zauberkundiger Priester. Wenn jemand von uns im Kampf verletzt wurde, konnte er zu seinem Gott beten, und die Wunde heilte. Ich weiß nicht, wie oft er uns den Arsch gerettet hat. Er fehlt uns. Natürlich nicht nur wegen seiner Zauberkräfte. Aber jetzt ... wir haben gefährliche Zeiten vor uns ...«

»Und jetzt hoffst du, ich könnte dir etwas Ähnliches geben. Einen Zaubertrank, der Wunden heilt. Einen Talisman, der Unheil abwendet. Ein wenig Hoffnung und Zuversicht, wenn du beginnst, an deinen Entscheidungen zu zweifeln.«

»Gibt es so etwas denn?«

Krona hörte selbst die unsinnige Hoffnung in ihrer Stimme. Wut flammte in ihr auf. Für einen Augenblick war sie versucht, den Gesichtsschleier der Priesterin herunterzureißen, um wenigstens zu sehen, vor wem sie sich da zur Närrin machte, doch die Anwandlung verging.

Die Priesterin nahm ihren Gürtel und ließ das lang herunterhängende Ende durch die Finger gleiten. Einen nach dem anderen liebkoste sie die darin eingeflochtenen kleinen Knochen, ihre Bewegungen waren gleichmäßig, der Anblick wirkte beinahe einschläfernd.

»Das sind Menschenknochen«, sagte Krona.

»Ja«, sagte die Priesterin. »Einer von jedem, der durch meine Hand sein Leben ließ. Wenn wir ein Leben beenden, bleibt immer ein Teil des Toten bei uns. Ist das nicht Sitte, da wo du herkommst?«

Krona lachte auf. »Nein. Da hätte ich viel zu tragen.«

»Und tust du das nicht sowieso, Todestochter«, flüsterte die Priesterin. »Tust du das nicht sowieso.«

»Kannst du mir jetzt helfen oder nicht?«, fragte Krona, die das dringende Bedürfnis hatte, wieder festen Stand zu gewinnen.

»Das kommt auf den Preis an, den zu zahlen du bereit bist.«

»Ich habe wenig Geld.«

Unter dem Gesichtsschleier meinte Krona, ein Lächeln zu erahnen.

»Geld interessiert mich nicht«, sagte die Priesterin. »Weltliche Güter interessieren mich nicht. Wir sind hier nicht bei den gütigen, mildtätigen Göttern, Todestochter. Dies ist die Göttin ohne Gesicht. Sie tauscht ein Leben gegen ein Leben.«

»Und das bedeutet ...?«

»Bist du bereit, dein Leben zu geben, damit sie einen deiner Lieben verschont?«

»Ja, natürlich.«

Die Priesterin neigte den Kopf und sah Krona aus ihren nebelgrauen Augen an.

»Ich stelle diese Frage oft, und die Antwort ist meistens eine Lüge. Doch dir glaube ich. Die Göttin ohne Gesicht wird ihre Freude an dir haben, wenn du vor sie trittst.«

Sie senkte die Hände in ihr weites Gewand und holte aus einer unsichtbaren Tasche einen kleinen Gegenstand, den sie Krona gab. Es war eine Münze von der Größe einer silbernen Viertelkrone. Sie war dunkel vom Alter, Schrift und Symbole ließen sich eher ertasten als erkennen. In der Mitte hatte sie ein Loch. Krona betrachtete die Münze, die auf ihrer Handfläche lag und völlig unbedeutend aussah.

»Du legst sie unter deine Zunge«, sagte die Priesterin. »Die Göttin ohne Gesicht wird dies als Zeichen nehmen, dass du bereit bist, dein Leben gegen ein anderes zu tauschen.«

»Das ist alles?«, fragte Krona erstaunt. »Mehr muss ich nicht tun?«

»Wenn du es tust, wirst du feststellen, dass es nicht ganz so einfach ist«, sagte die Priesterin. »Du bist keine, die loslassen kann, aber loslassen wirst du müssen.«